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Menon
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Der Menon (altgriechisch ΜέΜωΜ MĂ©nƍn) ist ein in Dialogform verfasstes Werk des griechischen Philosophen Platon. Den Inhalt bildet ein fiktives, literarisch gestaltetes GesprĂ€ch. Platons Lehrer Sokrates diskutiert mit dem vornehmen Thessalier Menon von Pharsalos, der sich vorĂŒbergehend in Athen aufhĂ€lt, und mit dessen Gastgeber, dem Politiker Anytos. Außerdem nimmt zeitweilig ein Sklave Menons an dem GesprĂ€ch teil. Das Thema ist Menons Frage, ob Tugend erlernt oder eingeĂŒbt werden kann oder angeboren ist. Der gewöhnlich mit „Tugend“ ĂŒbersetzte griechische Begriff aretᾗ bezeichnet nicht nur eine moralisch wĂŒnschenswerte Haltung, sondern TĂŒchtigkeit und Vortrefflichkeit in einem weiten Sinn.

ZunĂ€chst mĂŒsste geklĂ€rt werden, was Tugend eigentlich ist, doch gelingt dies nicht; verschiedene DefinitionsvorschlĂ€ge werden untersucht und erweisen sich als untauglich. Sokrates glaubt jedoch, dass es ein angeborenes, aber verschĂŒttetes Wissen gibt, zu dem auch die Kenntnis der Tugend gehört, und dass dieses Wissen durch Erinnerung aktiviert werden kann. Damit wendet sich die Debatte dem Prozess der Erkenntnisgewinnung zu. Sokrates versucht mit einem didaktischen Experiment, bei dem ein Sklave Menons als Versuchsperson dient, seine Hypothese zu untermauern, der zufolge LernvorgĂ€nge als Erinnerung an ein bereits vorhandenes Wissen zu erklĂ€ren sind („Anamnesis-Hypothese“). Ob jedoch die Tugend zum lehrbaren Wissen zĂ€hlt, scheint fraglich, da es an Tugendlehrern fehlt. Es gibt fĂ€hige Persönlichkeiten, die Tugend zwar besitzen, aber nicht anderen vermitteln können. Die Diskussion fĂŒhrt in eine Aporie (Ratlosigkeit), denn die Frage, worin Tugend besteht, bleibt offen.

Platons erstmals im Menon thematisiertes Anamnesis-Konzept wurde in der abendlĂ€ndischen Philosophie zum Ausgangspunkt der Auseinandersetzung mit dem Problem apriorischen – von Erfahrung unabhĂ€ngigen – Wissens.

Contents

‱ Inhalt
‱ Rezeption
‱ Antike
‱ Mittelalter
‱ Moderne
‱ Literatur
‱ Weblinks

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Ort, Zeit und Teilnehmer

Die Debatte spielt sich in Athen ab. Der Ort ist im Dialog nicht angegeben; vermutlich ist an ein Gymnasion zu denken, doch kommt auch das Haus des Anytos in Betracht.cite-ref-1[1] Die Zeit der fiktiven Handlung ergibt sich aus der Datierung von Menons Aufenthalt in Athen, der 403/402 v. Chr. anzusetzen ist.cite-ref-2[2] Sokrates war damals schon etwa 67 Jahre alt.

Wie in anderen frĂŒhen Dialogen Platons lenkt Sokrates das GesprĂ€ch, indem er die UnzulĂ€nglichkeit der undurchdachten Vorstellungen der anderen aufdeckt und dann der Diskussion eine neue Wendung gibt. Seine GesprĂ€chspartner Menon und Anytos sind als namhafte historische Persönlichkeiten gut bezeugt. Die Auffassungen, die Platon seinen Dialogfiguren in den Mund legt, können allerdings literarische Fiktion sein.

Der historische Menon gehörte einem der fĂŒhrenden Geschlechter Thessaliens an. Zur Zeit seines Aufenthalts in Athen, dessen Zweck wahrscheinlich eine diplomatische Mission war,cite-ref-3[3] war er etwa 21 Jahre alt. Etwas spĂ€ter, im Jahr 401 v. Chr., beteiligte er sich als SöldnerfĂŒhrer an einem Feldzug gegen den Perserkönig Artaxerxes II. Das Unternehmen scheiterte, Menon geriet in Gefangenschaft und wurde hingerichtet. Die zeitgenössischen Geschichtsschreiber Xenophon und Ktesias, die ebenfalls an dem Feldzug teilnahmen, stellen Menons Charakter sehr negativ dar. Xenophon schildert ihn als geldgierigen, gewissenlosen BetrĂŒger und Intriganten, Ktesias beschuldigt ihn des Verrats.cite-ref-4[4]

Menons Gastgeber Anytos gehörte in der athenischen Politik zu den fĂŒhrenden Köpfen der demokratischen Richtung. Athen hatte traditionell eine demokratische Staatsordnung, doch war es 404 v. Chr. einer oligarchischen Gruppe gelungen, die Demokratie zu beseitigen und ein kurzlebiges Terrorregime, die „Herrschaft der Dreißig“, zu errichten. Dies hatte einen BĂŒrgerkrieg zur Folge, in dem sich die Demokraten im Jahr 403 – also kurz vor Menons Ankunft – durchgesetzt hatten. Nach diesem Sieg stand Anytos auf der Höhe seines Einflusses. Wenige Jahre spĂ€ter, 399 v. Chr., war er der prominenteste der drei AnklĂ€ger, die das Gerichtsverfahren gegen Sokrates in Gang setzten, das mit der Verurteilung und Hinrichtung des Philosophen endete. Dies trug ihm die Feindschaft Platons ein, der die AnklĂ€ger seines verehrten Lehrers literarisch bekĂ€mpfte.cite-ref-5[5]

Als Dialogfigur bei Platon macht Menon einen weniger ungĂŒnstigen Eindruck als in den Berichten der Geschichtsschreiber. An der Frage, die er angeschnitten hat, hat er anscheinend ein echtes Interesse. Er ist lernwillig und erlangt im GesprĂ€chsverlauf Einsicht in die eigene Unwissenheit. Allerdings tritt er ĂŒberheblich auf und zeigt wenig VerstĂ€ndnis und Geduld fĂŒr die Erfordernisse einer systematischen Untersuchung. Seine SchwĂ€chen treten klar zutage: Er argumentiert nicht konzentriert und ausdauernd, seine Meinung ist konventionell und nicht durchdacht, einer tieferen Auseinandersetzung mit der schwierigen Problematik der Tugenddefinition weicht er aus. Offensichtlich ist er dem Thema nicht gewachsen. Sein Selbstbewusstsein im philosophischen Diskurs basiert insbesondere darauf, dass er am Unterricht des berĂŒhmten Rhetoriklehrers Gorgias teilgenommen hat und sich auf dessen AutoritĂ€t berufen kann. Damit beeindruckt er Sokrates jedoch nicht. Mit der Darstellung von Menons Versagen will Platon auch dessen Lehrer Gorgias diskreditieren.cite-ref-6[6]

Von Anytos, der als historische Person der gefĂ€hrlichste Feind des Sokrates war, zeichnet Platon ein Ă€ußerst negatives Bild. Sein Anytos ist intolerant, von Vorurteilen geprĂ€gt und keiner Argumentation zugĂ€nglich, die sein starres, konservatives Weltbild gefĂ€hrden könnte. Auf sachliche EinwĂ€nde reagiert er mit einer verhĂŒllten Drohung.cite-ref-7[7]

Inhalt

Die Diskussion dreht sich um ein zu Platons Zeit beliebtes Thema: den Ursprung der Arete (TĂŒchtigkeit, Vortrefflichkeit oder Tugend). Da fĂŒr Platon und die in seinen Dialogen auftretende Sokratesfigur ethische Aspekte im Vordergrund stehen, wird die in seinen Texten erörterte Arete gewöhnlich mit „Tugend“ ĂŒbersetzt. Es ist aber stets zu beachten, dass im Altgriechischen – anders als im Deutschen – die Vorstellung von TĂŒchtigkeit und Tauglichkeit dazugehört und nicht von der Tugend im ethischen Sinn abgetrennt wird. Ein Nichtphilosoph wie Menon denkt, wenn er von Arete spricht, nicht speziell an Tugendhaftigkeit als moralische QualitĂ€t, sondern generell an eine TĂŒchtigkeit oder Tauglichkeit, die zum Erfolg fĂŒhrt, wobei freilich anerkannte soziale Normen wie Gerechtigkeit beachtet werden mĂŒssen.cite-ref-8[8]

Das EinleitungsgesprÀch

Eine Rahmenhandlung fehlt, das GesprĂ€ch setzt unvermittelt ein. ZunĂ€chst sind nur Menon und Sokrates beteiligt. Menon stellt die Ausgangsfrage: Er möchte wissen, ob Tugend erlernt oder eingeĂŒbt wird oder Veranlagungssache ist.cite-ref-9[9] Sokrates antwortet ausweichend. Er bekennt, nicht einmal zu wissen, was Tugend ist, geschweige denn Einzelheiten ihrer Beschaffenheit – wozu die Frage der Lehrbarkeit gehört – zu kennen. Überdies behauptet er, in Athen wisse niemand ĂŒber die Tugend Bescheid. Ironisch unterstellt er den Thessaliern, Menons Landsleuten, solche Sachkenntnis. Die Ironie liegt darin, dass die Thessalier als unzivilisiert und sittenlos gelten,cite-ref-10[10] wĂ€hrend Athen ein bedeutendes Zentrum der griechischen Zivilisation ist. Menon, der von der Schwierigkeit der Frage nichts ahnt, staunt ĂŒber die Unwissenheit des Sokrates. Er traut sich ohne weiteres zu, die Tugend aus dem Stegreif richtig zu definieren. Dabei gibt er eine Sichtweise wieder, die ihm sein Lehrer Gorgias vermittelt hat.cite-ref-11[11]

Menons Definitionsversuche

Menon fasst nicht die Tugend schlechthin ins Auge, sondern eine Vielzahl von Tugenden. Was jeweils als Tugend zu betrachten ist, macht er von der Person und deren Lebenssituation und Aufgabe abhĂ€ngig. Beispielsweise besteht fĂŒr ihn die Tugend des Mannes darin, sich in der Politik zu bewĂ€hren, seine Freunde zu fördern und seinen Feinden zu schaden und sich vor den Nachstellungen der Gegner zu schĂŒtzen. Die Tugend der Frau zeigt sich in guter HaushaltsfĂŒhrung und Gehorsam gegenĂŒber dem Ehemann. Alte Menschen und Kinder haben unterschiedliche altersgemĂ€ĂŸe Tugenden. Ferner sind die Tugenden der Freien von anderer Art als die der Sklaven. Außerdem hat jede TĂ€tigkeit eine besondere ihrer AusĂŒbung zugeordnete Tugend.cite-ref-12[12]

Damit ist Sokrates nicht zufrieden. Er erlĂ€utert, dass seine Frage nicht auf unterschiedliche Einzeltugenden abzielt, sondern auf die Tugend an sich, also das, was den verschiedenen Tugenden gemeinsam ist und die Verwendung einer gemeinsamen Bezeichnung fĂŒr sie rechtfertigt. Menon versteht, was gemeint ist, gerĂ€t nun aber bei der Beantwortung der Frage in Verlegenheit. Er möchte an seinem Modell geschlechts- und altersspezifischer Tugenden festhalten. Dagegen bringt Sokrates vor, dass beispielsweise Gesundheit, GrĂ¶ĂŸe und StĂ€rke einheitliche Begriffe sind, die nicht geschlechts- oder altersabhĂ€ngig definiert werden. Wenn diese Begriffe allgemeine QualitĂ€ten ausdrĂŒcken, die ĂŒberall dieselben sind, ist nicht ersichtlich, warum im Gegensatz dazu die Tugend jeweils abhĂ€ngig von Faktoren wie Geschlecht und Alter unterschiedlich definiert werden soll. Zu einer guten Staatslenkung werden Besonnenheit und Gerechtigkeit benötigt, und das sind dieselben Eigenschaften, die auch eine gute HaushaltsfĂŒhrung ermöglichen. Wer besonnen und gerecht handelt, verhĂ€lt sich unabhĂ€ngig von seinem Lebensalter so; es gibt keine besondere Besonnenheit oder Gerechtigkeit der Greise, die sich von der anderer Menschen unterscheidet. Wenn gesagt wird, ein Mensch sei gut, ist damit nicht je nach Alter und Geschlecht etwas anderes gemeint. Also muss die Tugend, die den Menschen gut macht, fĂŒr alle dieselbe sein.cite-ref-13[13]

Nachdem somit der erste Definitionsversuch gescheitert ist, unternimmt Menon einen zweiten. Dabei berĂŒcksichtigt er die Kritik des Sokrates an seinem ersten Vorschlag, indem er eine allgemeingĂŒltige Bestimmung sucht. Er setzt die Tugend nun mit der FĂ€higkeit zur MachtausĂŒbung gleich; sie soll in der TĂŒchtigkeit beim Herrschen bestehen. Dagegen wendet Sokrates sogleich ein, dass das Herrschen fĂŒr Sklaven und Kinder nicht in Betracht kommt, die Definition also nicht alles umfasst, was sie einschließen mĂŒsste. Außerdem stellt sich die Frage, ob jede Art von MachtausĂŒbung gemeint sein soll oder nur eine gerechte Herrschaft. Menon stimmt der Einbeziehung der Gerechtigkeit zu, denn er weiß, dass sie als Tugend gilt und daher in diesem Kontext nicht entbehrlich ist. Auch Tapferkeit und weitere Tugenden spielen beim richtigen Umgang mit der Macht eine Rolle und mĂŒssten daher in die Definition aufgenommen werden. Damit ergibt sich aber wiederum eine Vielzahl von Tugenden, deren Zusammenhang untereinander weiterhin ungeklĂ€rt bleibt. Der zweite Definitionsversuch fĂŒhrt somit nicht weiter als der erste. Nun ist Menon ratlos.cite-ref-14[14]

Sokrates erlĂ€utert anhand des Begriffs „Figur“, worauf es bei einer Begriffsbestimmung ankommt: nicht auf einzelne Figuren, sondern auf das, „was bei allen diesen dasselbe ist“.cite-ref-15[15] Figur definiert er zunĂ€chst als das, „was allein unter allen Dingen immer Farbe begleitet“.cite-ref-16[16] Menon bezeichnet diese Definition als einfĂ€ltig, weil jemand, der nicht wisse, was Farbe sei, sie nicht verstehen könne.cite-ref-17[17] Allerdings hat Menon dabei die vorgeschlagene Definition der Figur verkĂŒrzt zu „was immer der Farbe folgt“,cite-ref-18[18] hat also durch Weglassen der Worte „allein unter allen Dingen“ aus der Definition die Angabe einer lediglich notwendigen Bedingung fĂŒr Figur gemacht. Sokrates konzediert Menon, dass es besser, dialektischer gewesen wĂ€re, sich zunĂ€chst die in der Definition benötigten Begriffe als vom Dialogpartner bekannt zugeben zu lassen, und gibt fĂŒr eine zweite Definition nun drei Begriffe vor, die Menon als ihm bekannt bestĂ€tigt: Grenze, eben und Körper.cite-ref-19[19] Sokrates dann zu Menon: „Ich wĂŒrde sagen, dass Figur die Grenze eines Körpers ist.“cite-ref-20[20] Sokrates hat hier also ebenfalls nur eine notwendige Bedingung fĂŒr Figur angegeben, denn nicht jede Grenze eines Körpers ist eine Figur. Aber dieser Fehler ließe sich leicht korrigieren, wenn nĂ€mlich der dritte zuvor eingefĂŒhrte Begriff in die Definition von Figur aufgenommen wird: Eine Figur ist die ebene Grenze eines Körpers. Jede Figur lĂ€sst sich als SchnittflĂ€che durch einen Körper verstehen. Offenbar sollte Menon diesen Mangel bemerken und korrigieren.cite-ref-21[21] Menon gibt aber zu der neuen Definition von Figur keinen Kommentar und verlangt stattdessen von Sokrates eine ErklĂ€rung des Wortes Farbe. Da dieses Wort in der neuen Definition ĂŒberhaupt nicht vorkommt, ist dieses Verlangen Menons ganz unbegrĂŒndet, und Sokrates charakterisiert das Verhalten Menons daher auch als arrogant und als Ausweichmanöver,cite-ref-22[22] gibt aber schließlich auch noch eine Definition von Farbe – mit Bezugnahme auf eine von Gorgias vertretene Theorie des Empedokles – als optisch wahrnehmbare Ausströmung, die von den Figuren ausgeht. Menon ist, ganz im Unterschied zu Sokrates, voll des Lobes ĂŒber diese Definition.cite-ref-23[23] Nachdem Sokrates ihn nun auffordert, das gegebene Versprechen einer Definition der Tugend einzulösen und sich dabei an den gegebenen Beispielen zu orientieren,cite-ref-24[24] bestimmt Menon die Tugend in einem dritten Versuch, einen Dichterspruch zitierend, als die FĂ€higkeit, sich am Schönen zu erfreuen und es sich zu verschaffen. Auf Nachfrage des Sokrates setzt er das Schöne mit dem Guten gleich. Hier erhebt sich aber die Frage, ob es denn auch Menschen gibt, die nicht das Gute, sondern das Schlechte anstreben. Sokrates zeigt, dass dies nicht der Fall sein kann:cite-ref-25[25] Wenn jemand das Schlechte begehrt, obwohl er es als schlecht und daher schĂ€dlich erkennt, will er sich selbst schĂ€digen und unglĂŒcklich machen, was widersinnig ist. So verhĂ€lt sich niemand. Wer das Schlechte begehrt, weil er dessen Schlechtigkeit nicht durchschaut, sondern es irrtĂŒmlich fĂŒr gut hĂ€lt und sich davon einen Nutzen – also etwas Gutes – erhofft, der strebt nach dem Guten. Somit schĂ€tzt jeder nur das Gute und versucht es zu erlangen. Demnach wĂ€re – was den Willen betrifft – nach Menons Definition jeder tugendhaft.cite-ref-26[26]

Unterschiede zwischen den Menschen gibt es somit nur hinsichtlich des zweiten Teils der Definition: der FĂ€higkeit, sich das Schöne und Gute zu verschaffen. Demnach bildet nur diese FĂ€higkeit das Kriterium der Tugend. Unter dem „Guten“ versteht Menon GĂŒter wie Ansehen, Macht und Reichtum. Die Frage, ob jemand auch dann tugendhaft ist, wenn er sich die GĂŒter auf ungerechte Weise verschafft, muss er aber verneinen, denn er teilt die allgemeine Überzeugung, dass die Gerechtigkeit ein Teil der Tugend ist. Somit kann Tugendhaftigkeit auch darin bestehen, dass man sich ein Gut nicht verschafft, obwohl man dazu in der Lage wĂ€re, wenn man sich auf ein Unrecht einließe. Dies widerspricht jedoch Menons Definition. ErgĂ€nzt man aber die Definition, indem man nur gerechtes Streben nach GĂŒtern als tugendhaft bestimmt, so wird sie untauglich, weil dann die Gerechtigkeit, die ein Teil des zu definierenden Begriffs ist, in der Definition vorkommt. Damit erweist sich auch dieser Definitionsversuch als Fehlschlag. Einen weiteren Versuch wagt der nun völlig verwirrte Menon nicht. Er fĂŒhlt sich gleichsam erstarrt und vergleicht Sokrates mit dem Zitterrochen, einem Fisch, der seine Opfer lĂ€hmt. Dazu bemerkt Sokrates, dass er nur dann einem Zitterrochen gleiche, wenn dieser nicht nur andere, sondern auch sich selbst lĂ€hme, denn er sei ebenso ratlos wie die anderen.cite-ref-27[27]

Die Hypothese des Lernens durch Erinnerung

Menon fragt nun, wie es ĂŒberhaupt möglich sei, etwas völlig Unbekanntes zu bestimmen. Die Problematik, auf die er hinweist, besteht darin, dass man keinen Anhaltspunkt hat, wenn man bei einer Suche auf nichts bereits Bekanntes zurĂŒckgreifen kann. Überdies fehlt, falls man fĂŒndig wird, eine Handhabe, mit der man das Gefundene als das Gesuchte identifizieren könnte. Sokrates greift den Gedanken auf und formuliert ihn so, dass sich die Folgerung ergibt, das Unbekannte sei grundsĂ€tzlich unerkennbar. Menon stimmt der Folgerung zu, sie gefĂ€llt ihm.cite-ref-28[28] Dieser Gedankengang, der zu einem erkenntnistheoretischen Pessimismus fĂŒhrt, wird als „Menons Paradox“ bezeichnet.cite-ref-29[29]

Dem erkenntnistheoretischen Pessimismus setzt Sokrates seine Hypothese der Wiedererinnerung, der Anamnesis, entgegen.cite-ref-30[30] Seinem Konzept zufolge ist die Seele unsterblich und hat schon vor der Entstehung des Körpers existiert. In ihr ist alles Wissen bereits vorhanden. Es ist ein Wissen von der Natur, die eine Einheit bildet, und dieser ganze einheitliche Naturzusammenhang ist der Seele vertraut.cite-ref-31[31] Demnach gibt es fĂŒr die Seele nichts wirklich Fremdes und Unbekanntes. Ihr Wissen und damit auch die Kenntnis der Tugend steht ihr jederzeit potentiell zur VerfĂŒgung. Allerdings ist es in Vergessenheit geraten und muss daher schrittweise gesucht und gefunden werden. Somit besteht jede Erkenntnis in der Entdeckung eines verschĂŒtteten Wissens. Lernen ist der Erinnerungsvorgang, durch den sich die Seele einen Zugriff auf ihr gewöhnlich verborgenes Wissenspotential verschafft. Genau genommen gibt es demnach keine Belehrung, sondern der scheinbar Lehrende verhilft dem Lernenden nur zur Erinnerung.cite-ref-32[32]

Um seine Hypothese plausibel zu machen, fĂŒhrt Sokrates ein Experiment durch. Zur Demonstration der Anamnesis wird einer der vielen Sklaven Menons herbeigerufen. Der Sklave, der ĂŒber kein mathematisches Schulwissen verfĂŒgt, soll als SchĂŒler ein geometrisches Problem lösen: Gesucht ist die SeitenlĂ€nge eines Quadrats, das die doppelte FlĂ€che eines bekannten Quadrats hat. Zur Lösung verhilft ihm Sokrates, indem er ihn durch Fragen zu Überlegungen anregt, die schließlich zum VerstĂ€ndnis des geometrischen Sachverhalts fĂŒhren. Dabei legt der Philosoph großen Wert darauf, nicht zu lehren, denn er will zeigen, dass sich der SchĂŒler die Lösung selbst erarbeitet.cite-ref-33[33]

Das gewĂ€hlte Quadrat hat eine SeitenlĂ€nge von zwei Fuß, also – wie der SchĂŒler auf Befragen feststellt – eine FlĂ€che von vier Quadratfuß. Die Aufgabe lautet, zu einem doppelt so großen Quadrat zu gelangen, also die SeitenlĂ€nge bei einer FlĂ€che von acht Quadratfuß zu ermitteln. Der SchĂŒler glaubt zunĂ€chst, der doppelten FlĂ€che entspreche eine doppelt so lange Seite. Durch Nachfragen fĂŒhrt ihn aber Sokrates zu der Einsicht, dass man durch Verdoppelung der SeitenlĂ€nge die FlĂ€che vervierfacht; vier Fuß SeitenlĂ€nge ergibt sechzehn Quadratfuß FlĂ€che. Die gesuchte Seite muss somit lĂ€nger als zwei Fuß, aber kĂŒrzer als vier Fuß sein. Daraufhin mutmaßt der SchĂŒler, dass der Mittelwert – drei Fuß – die Lösung ist. Damit kommt er aber auf neun statt acht Quadratfuß FlĂ€che. Nun weiß er nicht mehr weiter. Sokrates macht Menon darauf aufmerksam, dass die Einsicht des SchĂŒlers in den Irrtum und in seine Unwissenheit einen wesentlichen Fortschritt gegenĂŒber der anfĂ€nglichen Scheingewissheit darstellt.cite-ref-34[34]

Die gemeinsame Suche wird fortgesetzt, wobei Sokrates erneut betont, dass er nur fragt und nicht lehrt. Den Ausgangspunkt bildet nun die Zeichnung des vervierfachten Quadrats von sechzehn Quadratfuß, das sich aus vier Quadraten von je vier Quadratfuß zusammensetzt. Durch weitere Fragen fĂŒhrt Sokrates den SchĂŒler anhand der Skizze zu der Erkenntnis, dass die Diagonale des gegebenen Quadrats von vier Quadratfuß eine Seite des gesuchten von acht Quadratfuß ist.cite-ref-35[35] Diesen Lernvorgang deutet der Philosoph als Erinnerungsprozess: Der SchĂŒler sei trotz seiner anfĂ€nglichen Unkenntnis in der Lage gewesen, richtige Vorstellungen aus sich selbst hervorzuholen. Durch entsprechende Anregung könne jeder dazu gebracht werden, selbst einen Zugang zu einem in ihm verborgenen Wissen zu finden, das nachweislich nicht aus frĂŒherer Unterweisung stamme. FĂŒr die Richtigkeit der Hypothese, dass die Seele Wissen aus Erfahrungen mitbringt, die sie im Lauf der Seelenwanderung in frĂŒheren Leben und in der Unterwelt gemacht hat, will sich Sokrates aber nicht verbĂŒrgen.cite-ref-36[36] Er hat diese ErklĂ€rung von Priestern und Priesterinnen gehört und auch in den Werken von Dichtern wie Pindar gefunden und findet sie einleuchtend,cite-ref-37[37] doch fehlt eine philosophische BegrĂŒndung.

Die Frage nach der Lehrbarkeit der Tugend

Menon möchte nun zu seiner Ausgangsfrage nach dem Erwerb der Tugend zurĂŒckkehren. Sokrates hĂ€lt es zwar fĂŒr abwegig, schon die Lehrbarkeit untersuchen zu wollen, wenn man die Tugend noch nicht definiert hat, doch gibt er Menons DrĂ€ngen nach. Sein Ausgangspunkt ist, dass Lehrbarkeit dann gegeben ist, wenn Tugend ein Wissen ist. Damit fĂŒhrt er die Diskussion wieder zum Kern des Problems, der Natur der Tugend, zurĂŒck. Die Frage lautet nun, ob Tugend ein Wissen ist.cite-ref-38[38] Diese Vorgehensweise wird „Hypothesis-Methode“ oder „Hypothesis-Verfahren“ genannt. Sie besteht darin, dass der Wahrheitsgehalt einer schwer ĂŒberprĂŒfbaren Aussage (A) indirekt ermittelt wird, indem eine andere, besser ĂŒberprĂŒfbare Aussage (B) gefunden und untersucht wird, die mit A so zusammenhĂ€ngt, dass A wahr sein muss, wenn B wahr ist. Bei der PrĂŒfung von B wird ohne BerĂŒcksichtigung des Zusammenhangs zwischen A und B gefragt, welche Folgen sich jeweils ergeben, wenn B wahr ist oder nicht wahr ist. Wenn sich herausstellt, dass B wahr ist, kann dieses Resultat auf A ĂŒbertragen werden. Sokrates ĂŒbernimmt nach seinen Angaben diese Methode aus der Geometrie.cite-ref-39[39]

Den Ausgangspunkt bildet die unstrittige Feststellung, dass die Tugendhaftigkeit notwendigerweise gut und wie alles Gute auch nĂŒtzlich ist. GĂŒter wie StĂ€rke, Schönheit oder Reichtum pflegen nĂŒtzlich zu sein, sind es aber nicht notwendigerweise; wenn man von ihnen unvernĂŒnftig Gebrauch macht, können sie auch schaden und gehören dann nicht zum NĂŒtzlichen und Guten. Dasselbe gilt fĂŒr einzelne Tugenden wie etwa die Tapferkeit; auch sie sind fĂŒr sich allein nicht zwangslĂ€ufig vorteilhaft, sondern können schĂ€dlich sein, wenn sie nicht mit Vernunft verbunden sind. Die Vernunft ist der Faktor, der immer beteiligt sein muss, wenn etwas als nĂŒtzlich bezeichnet werden kann. Wenn also die Tugendhaftigkeit etwas notwendigerweise Gutes und NĂŒtzliches ist, muss sie entweder mit der Vernunft identisch sein oder diese zumindest immer als unerlĂ€sslichen Bestandteil aufweisen. Somit ist sie von Wissen und Erkenntnis untrennbar. Daraus folgt, dass gute Menschen nicht von Natur aus gut sind, sondern erst, wenn sie sich das erforderliche Wissen angeeignet haben. Tugendhaftigkeit ist also eine erworbene Eigenschaft. Sie wird gewonnen, indem man sie erlernt. Diesen GedankengĂ€ngen des Sokrates stimmt Menon zu.cite-ref-40[40]

Gegen die Richtigkeit der theoretischen Folgerung erhebt nun aber Sokrates einen empirischen Einwand. Wenn Tugend lehrbar ist, muss es auf diesem Gebiet Lehrer und SchĂŒler geben. Sokrates hat aber trotz intensiver BemĂŒhungen bisher nirgends einen kompetenten Tugendlehrer gefunden, und auch andere suchen vergeblich. Daher scheint es zweifelhaft, ob es ĂŒberhaupt einen gibt. An diesem Punkt der Untersuchung bezieht Sokrates den Gastgeber Menons, Anytos, der sich hinzugesellt hat, in die Erörterung ein. Er lenkt das GesprĂ€ch auf diejenigen, die sich als Lehrer der Arete, der Tugend oder TĂŒchtigkeit, ausgeben: die Sophisten, die als Wanderlehrer umherziehen und gegen Entgelt Unterricht erteilen. Sokrates fragt Anytos, ob etwa die Sophisten die Fachleute sind, bei denen man Tugend erlernen kann, so wie man die Heilkunde bei einem Arzt lernt oder das Schuhmacherhandwerk bei einem Schuhmacher. Dies bestreitet Anytos nachdrĂŒcklich. Er hĂ€lt die Sophisten fĂŒr schlimme ÜbeltĂ€ter und meint, ihre TĂ€tigkeit sei ausschließlich verderblich und solle verboten werden. Allerdings geht er dabei nicht von eigenen Beobachtungen und Erfahrungen aus, denn er wĂŒrde sich niemals mit einem Sophisten einlassen oder dies einem seiner Angehörigen gestatten. Vielmehr ist seine Meinung, wie er offen einrĂ€umt, ein Vorurteil, zu dem er sich vorbehaltlos bekennt. Von dessen Richtigkeit ist er so fest ĂŒberzeugt, dass er eine BegrĂŒndung fĂŒr ĂŒberflĂŒssig hĂ€lt.cite-ref-41[41]

Sokrates, der selbst ein scharfer Kritiker der Sophistik ist, hĂ€lt es fĂŒr irrational, ohne eigene Sachkenntnis ein Urteil zu fĂ€llen und auf eine BegrĂŒndung zu verzichten. Spöttisch bemerkt er, Anytos mĂŒsse wohl ein Wahrsager sein, wenn er ĂŒber etwas Bescheid wisse, ohne sich jemals damit auseinandergesetzt zu haben. Er lĂ€sst dies aber auf sich beruhen und kehrt zu seiner Frage nach Tugendlehrern zurĂŒck. Anytos soll sagen, wen er fĂŒr einen Tugendlehrer hĂ€lt. Die Antwort des konservativen Politikers ist verblĂŒffend einfach: Jeder gute, rechtschaffene Athener BĂŒrger könne einen Lernwilligen zu einem besseren Menschen machen. FĂŒr Anytos ist es selbstverstĂ€ndlich, dass jeder Tugendhafte seine Tugend anderen ĂŒbermitteln kann und die Tugendhaftigkeit von einer Generation zur nĂ€chsten weitergegeben wird. Dagegen fĂŒhrt Sokrates Gegenbeispiele an. Er erinnert daran, dass berĂŒhmte Athener wie Themistokles, Aristeides oder Perikles, deren Tugendhaftigkeit allgemein anerkannt ist, ihren Söhnen zwar vorzĂŒglichen Unterricht erteilen ließen, aber außerstande waren, sie zur Tugend anzuleiten. Den guten Willen dazu hatten sie sicherlich, doch ist es ihnen nicht gelungen. Dies scheint darauf zu deuten, dass Tugend doch nicht lehrbar ist. Anytos kann die Fakten nicht bestreiten. Er teilt aber die allgemeine Verehrung der genannten StaatsmĂ€nner und ist darĂŒber empört, dass ihnen ein Versagen als Erzieher unterstellt wird. FĂŒr ihn ist das unabhĂ€ngig vom Wahrheitsgehalt ĂŒble Nachrede. Er stĂ¶ĂŸt eine finstere Warnung aus: Sokrates solle sich davor hĂŒten, sich mit abschĂ€tzigen Äußerungen unbeliebt zu machen; in Athen könne man leicht in Schwierigkeiten gebracht werden. Damit zieht sich Anytos aus der Diskussion zurĂŒck.cite-ref-42[42]

Sokrates fĂŒhrt die VerĂ€rgerung des Anytos auf ein MissverstĂ€ndnis zurĂŒck und setzt die Untersuchung mit Menon fort. Auch Menon kennt zwar tĂŒchtige, tugendhafte MĂ€nner, aber keine Tugendlehrer, und ob Tugend ĂŒberhaupt erlernt werden kann, ist ihm und seinem Umkreis unklar. Dieser Befund spricht gegen die Lehrbarkeit. Damit stellt sich die Frage, wie die guten, tugendhaften Menschen zu ihrer Tugend gelangt sind.cite-ref-43[43]

Zur KlĂ€rung dieser Frage fĂŒhrt Sokrates das Konzept der „richtigen Vorstellung“ ein. Wer ĂŒber einen Weg die richtige Vorstellung hat, ohne ihn je gegangen zu sein, der wird ans Ziel gelangen und kann andere dorthin fĂŒhren. In der Praxis ist eine richtige Vorstellung ebenso nĂŒtzlich wie ein gesichertes Wissen. Allerdings ist sie im Gegensatz zu Erkenntnis und Wissen nicht durch eine unumstĂ¶ĂŸliche BegrĂŒndung fundiert. Daher ist sie unbestĂ€ndig, sie kann sich verflĂŒchtigen und taugt somit nicht zum Unterrichtsstoff. Immerhin ist es grundsĂ€tzlich möglich, eine solche zutreffende Vorstellung durch „Festbinden“ in Wissen umzuwandeln. Mit „Festbinden“ ist gemeint, dass man den betreffenden Sachverhalt so erfasst hat, dass man ihn erklĂ€ren kann und fĂŒr das, was man darĂŒber aussagt, eine stichhaltige BegrĂŒndung hat.cite-ref-44[44] TĂŒchtige, tugendhafte Menschen verdanken ihre Kompetenz ihrer richtigen Vorstellung. Sie handeln tugendhaft, obwohl sie keine Erkenntnis ĂŒber die Tugend haben.cite-ref-45[45] Andere darĂŒber belehren können sie allerdings nicht, denn dazu wĂ€re Wissen erforderlich. Das Fazit lautet: Tugend ist offenbar doch nicht als Wissen zu definieren, denn schon eine richtige Vorstellung reicht aus, sie hervorzubringen. Da weder die richtige Vorstellung noch das Wissen naturgegeben ist und die Tugend anscheinend nicht erlernt wird, bleibt nur eine ErklĂ€rung ĂŒbrig: göttliche Inspiration, die manchen Menschen zuteilwird und anderen nicht. Diesen Überlegungen stimmt Menon zu. Sokrates weist aber darauf hin, dass das Ergebnis der Untersuchung nur stimmt, sofern sie richtig durchgefĂŒhrt wurde. Diesen entscheidenden Vorbehalt beachtet Menon nicht.cite-ref-46[46]

Der Ausgang der Diskussion

Die Untersuchung hat zu einem provisorischen, allerdings aus Sokrates’ Sicht fragwĂŒrdigen Ergebnis gefĂŒhrt. Sokrates bittet Menon, das Resultat auch Anytos begreiflich zu machen, um den aufgebrachten Politiker zu besĂ€nftigen. Offen bleibt allerdings die Hauptfrage: Es konnte nicht geklĂ€rt werden, was die Tugend ausmacht. Somit endet der Dialog aporetisch, die Ratlosigkeit beim Kernpunkt bleibt bestehen. Sokrates erinnert daran, dass es sinnlos ist, weiter darĂŒber nachzudenken, wie man zur Tugend gelangt, solange noch unklar ist, worin sie besteht. Damit macht er abschließend nochmals seinen fundamentalen methodischen Einwand gegen die von Menon erzwungene Vorgehensweise und damit auch gegen das Ergebnis geltend.cite-ref-47[47]

In Wirklichkeit ist Sokrates nicht der Meinung, das Vorhandensein oder Fehlen der Tugend bei den Menschen sei nur das Ergebnis göttlichen Ratschlusses und die Ausgangsfrage sei damit befriedigend geklĂ€rt. Vielmehr ist diese Lösung nur am Ende der auf Menons DrĂ€ngen unkorrekt durchgefĂŒhrten Untersuchung als scheinbar einzig mögliche ĂŒbriggeblieben. Mit ironischen Bemerkungen distanziert sich Sokrates von dem Befund, obwohl er göttlichen Einfluss durchaus ernst nimmt. Es bleibt dem Leser ĂŒberlassen, die philosophische Untersuchung zu einem befriedigenderen Ergebnis zu fĂŒhren.cite-ref-48[48]

Philosophische und didaktische Bilanz

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Hauptartikel

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Anamnesis

Im Zentrum vieler moderner Debatten ĂŒber den philosophischen Gehalt des Menon steht die Frage der erkenntnistheoretischen Interpretation des Anamnesis-Konzepts, das Platon auch in den Dialogen Phaidon und Phaidros erörtert. Über das VerstĂ€ndnis des Lernens als Wiedererinnerung gehen in der Forschung die Meinungen weit auseinander. Strittig ist auch, inwieweit und in welchem Sinne Platon fĂŒr die Konsequenzen aus der Anamnesis-These einen Wahrheitsanspruch erhoben hat.cite-ref-49[49]

Einer Forschungsrichtung zufolge ist fĂŒr Platon die ZurĂŒckfĂŒhrung der ErkenntnisfĂ€higkeit auf eine eigenstĂ€ndige vorgeburtliche Existenz der Seele nur eine Argumentationshilfe, die er nicht unbedingt benötigt und deren Wahrheitsgehalt er offenlĂ€sst, oder sie ist ĂŒberhaupt nur metaphorisch und nicht metaphysisch zu verstehen.cite-ref-50[50] Gegen solche „entmythologisierende“ Deutungen wenden sich andere Forscher, die unter anderem darauf hinweisen, dass die Wiedererinnerung ausdrĂŒcklich mit der Lehre von der körperfreien Existenz der Seele verknĂŒpft wird, einer metaphysischen Position, die Platons eigener Überzeugung entspricht. Bei einem VerstĂ€ndnis der Anamnesis als bloße Metapher oder didaktisches Hilfsmittel ergĂ€be diese Verbindung keinen Sinn.cite-ref-51[51] Jedenfalls unterscheidet Platons Sokrates klar zwischen dem, was er mit seinem didaktischen Experiment gezeigt zu haben meint – der Existenz eines latenten, aktivierbaren Wissens –, und der metaphysischen Interpretation dieses Sachverhalts im Sinne der Unsterblichkeitslehre, die er nicht wie eine bewiesene Tatsache behandelt.cite-ref-52[52] Das latente Wissen ist nicht in einem gegenstĂ€ndlichen Sinn aufzufassen; es besteht nicht aus einzelnen „Dingen“ wie den korrekten Lösungen mathematischer Aufgaben, sondern zeigt sich im Verstehen von ZusammenhĂ€ngen.cite-ref-53[53]

Gewöhnlich wird angenommen, dass sich die Anamnesis, die mit dem didaktischen Experiment demonstriert werden soll, auf ein apriorisches (von Erfahrung unabhÀngiges) Wissen bezieht, doch geht dies aus dem Text nicht eindeutig hervor. Ein Problem besteht darin, dass der Sklave im Experiment anhand gezeichneter Figuren, also mit Hilfe von Sinneswahrnehmungen zu der Erkenntnis gelangt, die sein Wissen demonstrieren soll. Wenn dieses als apriorisch aufgefasst wird, muss es aber von Sinneswahrnehmung unabhÀngig sein. Eine mögliche ErklÀrung lautet, dass der Sklave den Sinn der Zeichnungen nur deswegen verstehen kann, weil er die Prinzipien, die ihm das VerstÀndnis des Beweises ermöglichen, a priori kennt.cite-ref-54[54]

Weitere Thesen im Menon, die im Diskurs der Philosophiehistoriker besondere Beachtung gefunden haben, sind die GrundsĂ€tze, dass niemand wissentlich etwas Schlechtes anstrebt und dass zuverlĂ€ssige Aussagen ĂŒber etwas erst möglich sind, wenn man weiß, was es ist, also die Definitionsfrage vorab geklĂ€rt hat (Prinzip der PrioritĂ€t der Definition). Diese GrundsĂ€tze thematisiert Platon auch in anderen Werken.cite-ref-55[55] Kontrovers wird in der Forschung die Frage erörtert, ob oder inwieweit Platons Ideenlehre im Menon bereits prĂ€sent ist und den Hintergrund des Anamnesis-Konzepts bildet, obwohl sie nicht explizit thematisiert wird. Überwiegend wird die Ansicht vertreten, dass die Anamnesis die Ideenlehre voraussetzt.cite-ref-56[56] Eine weitere Diskussion dreht sich um die Frage, was Platon mit der Argumentation seines Sokrates gegen die Lehrbarkeit der Tugend bezweckte. Er selbst nahm durchaus an, dass es ein grundsĂ€tzlich vermittelbares Tugendwissen gebe, wenngleich er der Ansicht war, dass die empirisch gegebene Tugend normalerweise nur auf richtiger Vorstellung basiere und daher mangels wirklichen VerstĂ€ndnisses nicht weitergegeben werden könne. Das Fehlen von Tugendlehrern, mit dem sein Sokrates im Dialog argumentiert, hielt er zwar fĂŒr einen wichtigen Sachverhalt, aber nicht fĂŒr eine schlĂŒssige Widerlegung der Vermittelbarkeit.cite-ref-57[57]

Eine andere Forschungsdiskussion dreht sich um das VerhĂ€ltnis von richtiger Vorstellung und Wissen und die Umwandlung einer richtigen Vorstellung in Wissen durch „Festbinden“. Dabei geht es insbesondere um die Frage, ob Platon unter Wissen eine gerechtfertigte zutreffende Meinung („justified true belief“) versteht, also eine richtige Vorstellung, die durch HinzufĂŒgung von etwas zu Wissen geworden ist. In diesem Fall ist das Wissen fĂŒr Platon ein um einen zusĂ€tzlichen Faktor erweitertes Meinen. Der gegenteiligen Interpretation zufolge ist das Wissen etwas prinzipiell anderes als eine zutreffende Meinung. Nach der starken Variante dieser Position schließen Wissen und Meinen einander sogar aus. Eine Meinung hört durch die Umwandlung in Wissen auf, eine Meinung zu sein, so wie ein Kind, nachdem es erwachsen geworden ist, kein Kind mehr ist.cite-ref-58[58]

Aus didaktischer Sicht sind die AusfĂŒhrungen des Sokrates zur Methode von besonderem Interesse. Nach seiner Darstellung hat er den Sklaven nicht belehrt, sondern ihn durch geeignete Fragen dazu gebracht, vorhandene irrige Vorstellungen zu beseitigen und den tatsĂ€chlichen Sachverhalt selbst zu entdecken. Diese didaktische GesprĂ€chslenkung, die auch in anderen Dialogen Platons eine wichtige Rolle spielt, wird als MĂ€eutik oder Maieutik („Hebammenkunst“) bezeichnet, da Sokrates bei der „Geburt“ einer Einsicht gleichsam die Aufgabe der Hebamme ĂŒbernimmt. Manche Fragen, die Sokrates dem Sklaven stellt, wirken allerdings suggestiv und können daher als VerstĂ¶ĂŸe gegen seinen Anspruch, konsequent auf Belehrung zu verzichten, erscheinen. Dennoch handelt es sich um eine erfolgreiche Demonstration der MĂ€eutik, denn der Sklave ĂŒberlegt selbst und versucht nicht, die Antworten zu geben, die Sokrates hören möchte. Die VerknĂŒpfungen, die zur Einsicht in den Zusammenhang erforderlich sind, muss er in einem eigenen Reflexionsprozess herstellen.cite-ref-59[59] In der Forschungsliteratur wird allerdings auch die Meinung vertreten, die geometrische Demonstration sei von Platon und seinem Sokrates nicht ernst gemeint, sondern als Farce zu verstehen.cite-ref-60[60]

Norbert BlĂ¶ĂŸner hebt hervor, dass nicht nur das VerhĂ€ltnis der Dialogfiguren Sokrates und Menon, sondern auch die Beziehung zwischen Platon als Autor des Menon und seinen Lesern als mĂ€eutisch aufzufassen sei. Der Dialog biete dem Leser nicht Platons Antworten auf die aufgeworfenen Fragen, sondern Anregungen zum Finden von Lösungen, die im Text nicht enthalten seien.cite-ref-61[61]

Die Abfassungszeit

Als plausibel gilt, dass der Menon der frĂŒhen Schaffensperiode Platons angehört und innerhalb von ihr einer spĂ€ten Phase zuzurechnen ist, die auch als Zeit des Übergangs zur mittleren Schaffensperiode bezeichnet wird. Eine genauere Einordnung scheint kaum möglich zu sein. Versuche, aus mutmaßlichen Beziehungen zu anderen Schriften oder aus einer hypothetischen Entwicklung von Platons Lehre die Position des Menon in der Entstehungsreihenfolge der Dialoge zu erschließen, haben keine gesicherten Ergebnisse erbracht. Ein Indiz spricht fĂŒr ungefĂ€hr gleichzeitige Abfassung des Menon und der Apologie, der von Platon literarisch gestalteten Verteidigungsrede des Sokrates vor Gericht.cite-ref-62[62] In der neueren Forschung hat sich die Annahme durchgesetzt, dass Platon den Menon um die Mitte der 380er Jahre – nach dem Gorgias – verfasst hat, nachdem er von seiner ersten Sizilienreise zurĂŒckgekehrt war und seine Philosophenschule, die Platonische Akademie, gegrĂŒndet hatte.cite-ref-63[63]

Rezeption

Antike

Von einer antiken Kommentierung des Menon ist zwar nichts ĂŒberliefert, doch war die Nachwirkung des Dialogs betrĂ€chtlich. Platons SchĂŒler Aristoteles nahm wiederholt namentlich auf ihn Bezug.cite-ref-64[64] In seiner Schrift Analytica posteriora erörterte er die Aktualisierung allgemeinen potentiellen Wissens und befasste sich dabei mit der von Platons Menon vorgebrachten paradoxen These, dass man Kenntnis von Unbekanntem prinzipiell nicht erlangen könne.cite-ref-65[65] In den Analytica priora ging er auf die Deutung des Lernens als Erinnerung ein.cite-ref-66[66] In seiner Politik wandte er sich gegen die Ansicht von Platons Sokrates, es gebe keine spezifischen Tugenden je nach Geschlecht, Lebensalter und sozialer Stellung, sondern die Tugend sei bei allen Menschen dieselbe.cite-ref-67[67] Ein anderer SchĂŒler Platons, Xenokrates, verfasste eine Schrift, in der er sich mit der Thematik des Menon auseinandersetzte; außer dem Titel Dass die Tugend lehrbar ist ist ĂŒber dieses verlorene Werk nichts ĂŒberliefert.

Der unbekannte Verfasser des pseudoplatonischen (Platon zu Unrecht zugeschriebenen) Dialogs Über die Tugend behandelte in seinem Werk die Frage, wie Tugend entsteht. Dabei lehnte er sich eng an den Menon an. Er war der Überzeugung, eine rational planbare Weitergabe der Tugend an andere sei unmöglich. Nach seiner Argumentation besitzt niemand ein ĂŒbertragbares Tugendwissen, denn ein echter Tugendlehrer mĂŒsste ein guter Mensch sein und wĂŒrde als solcher sein Wissen nicht zurĂŒckhalten; er mĂŒsste also damit hervorgetreten sein und seine FĂ€higkeit praktiziert haben. Dies sei aber nicht geschehen. Eine anlagebedingte Tugendhaftigkeit schloss der Autor von Über die Tugend ebenfalls aus, da es sonst eine Technik ihrer FrĂŒherkennung gĂ€be. Auch den im Menon vorgeschlagenen Mittelweg zwischen Wissen und Nichtwissen, die „richtige Vorstellung“, ließ er nicht offen. Offenbar gehörte er der Akademie an und lebte spĂ€testens im 3. Jahrhundert v. Chr. Möglicherweise war seine Schrift gegen die Auffassung der Stoiker gerichtet, die nachdrĂŒcklich die Lehrbarkeit der Tugend vertraten und auch eine Naturanlage annahmen. Fast die HĂ€lfte des Textes von Über die Tugend besteht aus Zitaten aus dem Menon und Paraphrasen von AusfĂŒhrungen in diesem Dialog. Statt Menon und Anytos ĂŒbernimmt hier ein nicht namentlich genannter Freund des Sokrates die Rolle des GesprĂ€chspartners des Philosophen.cite-ref-68[68]

Cicero nahm verschiedentlich auf das Anamnesis-Konzept Bezug.cite-ref-69[69] In seinen Tusculanae disputationes fĂŒhrte er das Experiment mit Menons Sklaven als Argument fĂŒr die Ewigkeit der Seele an.cite-ref-70[70] Im Dialog De divinatione erwĂ€hnte er die umfassenden Kenntnisse, die sich die Seele nach der Wiedererinnerungshypothese im vergangenen Teil ihres ewigen Daseins angeeignet hat. Damit seien WahrtrĂ€ume zu erklĂ€ren, denn im Schlaf könne die Seele, wĂ€hrend der Körper ruhe, Zugang zu ihrem tagsĂŒber verhĂŒllten universalen Wissen erlangen.cite-ref-71[71]

In der Tetralogienordnung der Werke Platons, die anscheinend im 1. Jahrhundert v. Chr. eingefĂŒhrt wurde, gehört der Menon zur sechsten Tetralogie. Der Philosophiegeschichtsschreiber Diogenes Laertios zĂ€hlte ihn zu den „prĂŒfenden“ – das heißt: Unwissenheit entlarvenden – Schriften und gab als Alternativtitel Über die Tugend an. Dabei berief er sich auf eine heute verlorene Schrift des Mittelplatonikers Thrasyllos.cite-ref-72[72]

Der antiphilosophisch gesinnte Gelehrte Athenaios fĂŒhrte in seiner Polemik gegen Platon unter anderem an, Menon werde in dem nach ihm benannten Dialog zu Unrecht gelobt, sein Charakter sei dort falsch dargestellt; die Wahrheit sei in Xenophons Bericht zu finden.cite-ref-73[73]

Auch bei christlichen Autoren fand der Menon Beachtung. Der Kirchenschriftsteller Clemens von Alexandria Ă€ußerte sich beifĂ€llig zu der im Dialog vorgetragenen Hypothese, die Tugend mĂŒsse als Gottesgabe erklĂ€rt werden.cite-ref-74[74] Der spĂ€tantike Kirchenschriftsteller Arnobius der Ältere bekĂ€mpfte in seiner Schrift Adversus nationes („Gegen die Heiden“) die Anamnesis-Lehre, wobei er eine Argumentation gegen die Beweiskraft des geometrischen Experiments vorbrachte.cite-ref-75[75] Auch der Kirchenvater Augustinus wandte sich gegen die Hypothese, die Seele bringe ein Wissen mit, das sie schon vor der Entstehung des Körpers besessen habe. Sein Einwand lautete, in diesem Fall könnten nicht alle geometrisches Wissen mitbringen, sondern nur die wenigen, die in einem frĂŒheren Leben bereits Mathematiker waren. Dies widerspreche der Verallgemeinerung des Ergebnisses des Experiments im Menon.cite-ref-76[76]

Die antike TextĂŒberlieferung beschrĂ€nkt sich auf ein Papyrus-Fragment aus der beginnenden römischen Kaiserzeit und knappe Zitate in anderen fragmentarisch auf Papyrus ĂŒberlieferten Schriften.cite-ref-77[77]

Mittelalter

Die Ă€lteste erhaltene mittelalterliche Menon-Handschrift wurde im Jahr 895 im Byzantinischen Reich angefertigt. Die handschriftliche Überlieferung besteht aus rund fĂŒnfzig Codices, die den Text vollstĂ€ndig oder teilweise enthalten.cite-ref-78[78]

Im 10. Jahrhundert verfasste der einflussreiche muslimische Philosoph al-FārābÄ« eine Übersicht zu Platons Schriften mit dem Titel Die Philosophie Platons, ihre Teile und die Ordnung ihrer Teile von ihrem Anfang bis zum Ende. Darin fasste er den philosophischen Gehalt des Menon knapp aus der Perspektive eines ausgeprĂ€gten erkenntnistheoretischen Optimismus zusammen. Al-Farabi, der aus einer antiken mittelplatonischen Quelle schöpfte, stellte fest, Platon habe in diesem Dialog den erkenntnistheoretischen Pessimismus Menons verworfen, denn er habe erkannt, dass man sehr wohl durch Untersuchung zur Wahrheit vordringen könne.cite-ref-79[79]

Bei den lateinischsprachigen Gelehrten des Westens war der Menon bekannt, seit ihn der in Sizilien lebende Gelehrte Henricus Aristippus im Zeitraum 1154–1160 ins Lateinische ĂŒbersetzt hatte. Die lateinische Übersetzung ist wortgetreu. Im Vorwort legte Henricus Aristippus dar, dass es ihm vor allem darauf ankam, den Sinn nicht zu verfĂ€lschen, und dass er daher stilistische MĂ€ngel in Kauf nahm.cite-ref-80[80] Der Text ist in fĂŒnf spĂ€tmittelalterlichen Handschriften ĂŒberliefert.

FrĂŒhe Neuzeit

Die erste neuzeitliche Übersetzung ins Lateinische stammt von dem berĂŒhmten Humanisten Marsilio Ficino. Er veröffentlichte sie 1484 in Florenz in der Gesamtausgabe seiner Platon-Übersetzungen. In der Einleitung (argumentum) zu seinem lateinischen Menon stellte er fest, die Anamnesis sei ein Nebenthema und nicht das Wesentliche an dem Dialog, dessen Gegenstand die Tugend sei.cite-ref-81[81] Die Erstausgabe des griechischen Textes erschien im September 1513 in Venedig bei Aldo Manuzio im Rahmen der von Markos Musuros herausgegebenen Gesamtausgabe der Werke Platons.

RenĂ© Descartes Ă€ußerte 1643 die Meinung, das Wissen ĂŒber Gott sei von gleicher Art wie das geometrische Wissen, dessen latentes Vorhandensein im Menon demonstriert werde; beides gehöre zu den „uns angeborenen Wahrheiten“.cite-ref-82[82] Leibniz nahm 1686 zu dem „schönen Experiment“ lobend Stellung. Er hielt den Nachweis eines apriorischen Wissens fĂŒr erbracht; das Anamnesis-Konzept sei, wenn man es richtig auffasse, solid. Die Hypothese einer PrĂ€existenz der Seele vor der Entstehung des Körpers verwarf er jedoch.cite-ref-83[83]

Moderne

Literarische Aspekte

Der einflussreiche Platon-Übersetzer Friedrich Schleiermacher hielt den Menon nicht fĂŒr eine ĂŒberragende Leistung; er schrieb 1805 in der Einleitung zur ersten Auflage seiner Übersetzung des Dialogs, es handle sich um „eine von den loseren nicht vollkommen durchgearbeiteten Darstellungen des Platon“.cite-ref-84[84] Die spĂ€teren Urteile ĂŒber die literarische QualitĂ€t sind jedoch gewöhnlich trotz Kritik an Einzelheiten wie der abrupten EinfĂŒhrung des Anytos lobend ausgefallen. John Stuart Mill bemerkte in einem 1866 publizierten Essay, der Menon sei ein Juwel; in keinem anderen Dialog werde so viel fĂŒr Platon Charakteristisches so kompakt dargeboten.cite-ref-85[85] Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff urteilte, der Menon glĂ€nze nicht durch kĂŒnstlerischen Schmuck, ihm fehle starkes Pathos, doch sei der Aufbau kunstvoll, die Darstellungsweise straff.cite-ref-86[86] Alfred Croiset fand in dem Dialog einen großen literarischen Charme.cite-ref-87[87] Franz von Kutschera nannte ihn „gut komponiert“.cite-ref-88[88]

Philosophische und didaktische Aspekte

Die philosophiegeschichtliche Forschung stuft den Menon als bedeutendes Werk ein und weist ihm im Rahmen von Platons Schaffen und in der Geschichte der abendlĂ€ndischen Erkenntnistheorie eine wichtige Rolle zu. Auch die didaktische Thematik des Dialogs findet in der Forschung viel Beachtung, das Experiment mit dem Sklaven gehört zu den klassischen Texten der Didaktikgeschichte. Der Neukantianer Paul Natorp (1854–1924) wies auf die im Dialog „reichlich eingestreuten, höchst wertvollen methodologischen Erörterungen“ hin. Mit dem Menon habe Platon „die ausschließliche NegativitĂ€t der sokratischen Wissenskritik endgĂŒltig ĂŒberwunden“. Natorp rĂŒhmte die „außerordentlich feine und durchdachte Anlage“ des Dialogs.cite-ref-89[89] Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff schrieb 1919, der Menon sei nicht nur Programm von Platons Schule, der Akademie, sondern enthalte zugleich das Programm seines Lebens.cite-ref-90[90] Nicolai Hartmann ging im Rahmen seiner 1935 veröffentlichten Untersuchung von Platons Apriorismus auf das Experiment ein. Der Sklave habe das Wissen um die Sache durch „Besinnung in sich“ gefunden. Dies habe Platon anhand eines mathematischen Beispiels besonders gut demonstrieren können, denn in der Mathematik könne man niemanden etwas lehren, „ohne ihn zum eigenen inneren Erfassen der Sache zu bringen“.cite-ref-91[91] Gregory Vlastos lobte die Beherrschung der logischen Technik und Terminologie.cite-ref-92[92] William K. C. Guthrie wĂŒrdigte die Pionierrolle Platons, der im Menon erstmals in der Philosophiegeschichte zwischen empirischem und apriorischem Wissen unterschieden habe.cite-ref-93[93] Jonathan Barnes betonte die Bedeutung von Menons Frage, ob die Tugend lehrbar sei: Es gehe dabei um den Status der Ethik als mögliche Wissenschaft.cite-ref-94[94]

Karl Popper brachte das Experiment im Menon mit dem historischen Sokrates in Verbindung, in dem er einen Demokraten und VorkĂ€mpfer der Rechtsgleichheit sah. Er meinte, die geometrische Demonstration mit dem Sklaven illustriere den antiautoritĂ€ren und egalitĂ€ren Charakter des sokratischen Intellektualismus. Sokrates habe geglaubt, dass jedermann der Belehrung zugĂ€nglich sei, und habe mit dem Experiment beweisen wollen, dass jeder ungebildete Sklave die FĂ€higkeit besitze, auch abstrakte Sachverhalte zu begreifen.cite-ref-95[95] Die Anamnesis-Lehre besage, dass die Wahrheit durch den Akt der Erinnerung offenkundig werde. Diese optimistische Erkenntnistheorie komme in der „wunderschönen Stelle“ im Menon zum Ausdruck, wo der Sklave zur Erkenntnis gefĂŒhrt wird. Solcher Optimismus sporne zum Lernen, Forschen und Entdecken an, sei aber unrealistisch, da es in Wirklichkeit kein Kriterium der Wahrheit gebe. Die im Menon vorgetragene Theorie enthalte den Keim der aristotelischen Theorie der Induktion, der Induktionstheorie von Francis Bacon und der Erkenntnistheorie von RenĂ© Descartes.cite-ref-96[96]

Elizabeth Anscombe verfasste eine Fortsetzung zu der Diskussion zwischen Sokrates und Menon ĂŒber das Experiment mit dem Sklaven. Darin lĂ€sst sie die beiden GesprĂ€chspartner vertieft auf den Akt des Verstehens einer BeweisfĂŒhrung und des Einsehens ihrer Stichhaltigkeit und auf die BegrĂŒndung der Annahme eines schon vor der Entstehung des Körpers vorhandenen Wissens der Seele eingehen.cite-ref-97[97]

Ausgaben und Übersetzungen

Kritische Ausgaben, teilweise mit Übersetzungen

‱ Richard S. Bluck (Hrsg.): Plato’s Meno. Cambridge University Press, Cambridge 1961 (Edition mit Einleitung und Kommentar).
‱ Gunther Eigler (Hrsg.): Platon: Werke in acht BĂ€nden. Band 2. 5. Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-19095-5, S. 505–599 (Abdruck der Ausgabe von Maurice Croiset, 13. Auflage, Paris 1968, mit der deutschen Übersetzung von Friedrich Schleiermacher nach der 2., verbesserten Auflage von 1818).
‱ Reinhold Merkelbach (Hrsg.): Platons Menon. AthenĂ€um, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-610-09217-3 (Edition mit Übersetzung und ErlĂ€uterungen).
‱ Klaus Reich (Hrsg.): Platon: Menon. Felix Meiner, Hamburg 1972, ISBN 3-7873-0279-4 (griechischer Text nach der Ausgabe von John Burnet [1903], leicht verĂ€ndert; deutsche Übersetzung von Otto Apelt, ĂŒberarbeitet).

Deutsche Übersetzungen

‱ Otto Apelt (Übersetzer): Platon: Menon oder Über die Tugend. In: Otto Apelt (Hrsg.): Platon: SĂ€mtliche Dialoge, Bd. 2, Meiner, Hamburg 2004, ISBN 3-7873-1156-4 (Übersetzung mit Einleitung und ErlĂ€uterungen; Nachdruck der 2., durchgesehenen Auflage von 1922).
‱ Theodor Ebert (Übersetzer): Platon: Menon. Übersetzung und Kommentar. De Gruyter, Berlin 2018, ISBN 978-3-11-057617-7
‱ Theodor Ebert (Übersetzer): Platon: Menon. Griechisch-deutsch, herausgegeben und ĂŒbersetzt. de Gruyter, Berlin 2019, ISBN 978-3-11-062011-5
‱ Ludwig Georgii (Übersetzer): Menon. In: Erich Loewenthal (Hrsg.): Platon: SĂ€mtliche Werke in drei BĂ€nden, Bd. 1. UnverĂ€nderter Nachdruck der 8., durchgesehenen Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-17918-8, S. 411–457.
‱ Margarita Kranz (Hrsg.): Platon: Menon. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-002047-6 (Übersetzung mit griechischem Text nach der Ausgabe von John Burnet, leicht verĂ€ndert und ohne den kritischen Apparat).
‱ Gernot Krapinger (Übersetzer): Platon, Menon. Griechisch/Deutsch. Herausgegeben und ĂŒbersetzt. Reclam, Ditzingen 2021.
‱ Rudolf Rufener (Übersetzer): Platon: Die Werke des Aufstiegs (= JubilĂ€umsausgabe sĂ€mtlicher Werke, Bd. 2). Artemis, ZĂŒrich/MĂŒnchen 1974, ISBN 3-7608-3640-2, S. 401–453 (mit Einleitung von Olof Gigon S. 159–182).

Mittelalterliche lateinische Übersetzung

‱ Victor Kordeuter (Hrsg.): Meno interprete Henrico Aristippo (= Plato Latinus, Bd. 1). Warburg Institute, London 1940 (Nachdruck: Kraus Reprint, Nendeln 1973).

Literatur

Übersichtsdarstellungen

‱ Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2). Schwabe, Basel 2007, ISBN 978-3-7965-2237-6, S. 165–174, 605–608.
‱ Ernst Heitsch: Platon und die AnfĂ€nge seines dialektischen Philosophierens. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, ISBN 3-525-30145-6, S. 138–149.

Kommentare

‱ Monique Canto-Sperber: Platon: MĂ©non. 2., ĂŒberarbeitete Auflage. Flammarion, Paris 1993, ISBN 2-08-070491-5 (französische Übersetzung des Menon mit Kommentar und EinfĂŒhrung).
‱ Jacob Klein: A Commentary on Plato’s Meno. The University of North Carolina Press, Chapel Hill 1965.
‱ John E. Thomas: Musings on the Meno. Nijhoff, The Hague 1980, ISBN 90-247-2121-0.
‱ Theodor Ebert: Platon: Menon. Übersetzung und Kommentar. De Gruyter, Berlin 2018, ISBN 978-3-11-057617-7.

Untersuchungen

‱ Norbert BlĂ¶ĂŸner: The Unity of Plato’s Meno. Reconstructing the Author’s Thoughts. In: Philologus 155, 2011, S. 39–68.
‱ Oliver Hallich: Platons „Menon“. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-534-23049-5.
‱ Jens Holzhausen: Menon in Platons ‚Menon‘. In: WĂŒrzburger JahrbĂŒcher fĂŒr die Altertumswissenschaft Neue Folge Bd. 20, 1994/1995, S. 129–149.
‱ Cristina Ionescu: Plato’s Meno. An Interpretation. Lexington, Lanham 2007, ISBN 0-7391-2025-5.
‱ Dominic Scott: Plato’s Meno. Cambridge University Press, Cambridge 2006, ISBN 978-0-521-64033-6.
‱ Robert Sternfeld, Harold Zyskind: Plato’s Meno. A Philosophy of Man as Acquisitive. Southern Illinois University Press, Carbondale 1978, ISBN 0-8093-0838-X.
‱ Harold Tarrant: Recollecting Plato’s Meno. Duckworth, London 2005, ISBN 0-7156-3291-4 (behandelt insbesondere die antike Menon-Rezeption).

Weblinks

‱ Menon, griechischer Text nach der Ausgabe von John Burnet (1903)
‱ Menon, griechischer Text nach der Ausgabe von John Burnet (1903) und deutsche Übersetzung von Friedrich Schleiermacher
‱ Menon, deutsche Übersetzung nach Friedrich Schleiermacher, bearbeitet
‱ Menon, deutsche Übersetzung von Ludwig von Georgii (1860)
‱ Michael Eisenstadt: Plato's Meno: Contretemps in the Classroom

Anmerkungen

cite-note-11. ↑ Michael Erler: Platon. Basel 2007, S. 167; William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy, Bd. 4, Cambridge 1975, S. 236 f.
cite-note-22. ↑ William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy, Bd. 4, Cambridge 1975, S. 236; John S. Morrison: Meno of Pharsalus, Polycrates, and Ismenias. In: The Classical Quarterly 36, 1942, S. 57–78, hier: 57 f., 76; Debra Nails: The People of Plato. Indianapolis 2002, S. 204, 318 f.; Michael Erler: Platon. Basel 2007, S. 166 f.
cite-note-33. ↑ John S. Morrison: Meno of Pharsalus, Polycrates, and Ismenias. In: The Classical Quarterly 36, 1942, S. 57–78, hier: 76.
cite-note-44. ↑ Xenophon, Anabasis 2,6,21–27; Ktesias, Persika F 27 und F 28. Siehe zum historischen Menon Truesdell S. Brown: Menon of Thessaly. In: Historia 35, 1986, S. 387–404; Monique Canto-Sperber: Platon: MĂ©non. 2., ĂŒberarbeitete Auflage. Paris 1993, S. 17–26; Richard Goulet: MĂ©non de Pharsale. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Bd. 4, Paris 2005, S. 484 f.; Debra Nails: The People of Plato. Indianapolis 2002, S. 204 f.
cite-note-55. ↑ Siehe zur historischen Rolle des Anytos Debra Nails: The People of Plato. Indianapolis 2002, S. 37 f.; Thomas C. Brickhouse, Nicholas D. Smith: Socrates on Trial. Oxford 1989, S. 29; Monique Canto-Sperber: Platon: MĂ©non. 2., ĂŒberarbeitete Auflage. Paris 1993, S. 26–32; Émile de Strycker, Simon R. Slings: Plato’s Apology of Socrates. Leiden 1994, S. 91–93.
cite-note-66. ↑ Michael Erler: Platon. Basel 2007, S. 167 f.; Jens Holzhausen: Menon in Platons ‚Menon‘. In: WĂŒrzburger JahrbĂŒcher fĂŒr die Altertumswissenschaft. Neue Folge Bd. 20, 1994/1995, S. 129–149. Vgl. zu Menon als Dialogfigur Josiah B. Gould: Klein on Ethological Mimes, for example, the Meno. In: The Journal of Philosophy 66, 1969, S. 253–265; Dominic Scott: Plato’s Meno. Cambridge 2006, S. 60–65.
cite-note-77. ↑ Siehe dazu Ernst Heitsch: Platon: Apologie des Sokrates. Übersetzung und Kommentar. Göttingen 2002, S. 57–60.
cite-note-88. ↑ Zur Problematik der Übersetzung des Begriffs Arete siehe Peter Stemmer: Tugend. I. Antike. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 10, Basel 1998, Sp. 1532–1548, hier: 1532 f. Vgl. zur Begriffsgeschichte Harold Tarrant: Recollecting Plato’s Meno. London 2005, S. 20–23.
cite-note-99. ↑ Zu Menons VerstĂ€ndnis dieser Frage siehe Norbert BlĂ¶ĂŸner: The Unity of Plato’s Meno. In: Philologus 155, 2011, S. 39–68, hier: 44, 47–49.
cite-note-1010. ↑ Vgl. Platon, Kriton 53d. Siehe auch Cristina Ionescu: Plato’s Meno, Lanham 2007, S. 4–6; Jacob Klein: A Commentary on Plato’s Meno, Chapel Hill 1965, S. 40 f.; Paul FriedlĂ€nder: Platon. Bd. 2. 3., verbesserte Auflage. Berlin 1964, S. 257.
cite-note-1111. ↑ Platon, Menon 70a–71e.
cite-note-1212. ↑ Platon, Menon 71e–72a.
cite-note-1313. ↑ Platon, Menon 72a–73c. Zur Einheit der Tugend nach Sokrates’ und Menons VerstĂ€ndnis siehe Norbert BlĂ¶ĂŸner: The Unity of Plato’s Meno. In: Philologus 155, 2011, S. 39–68, hier: 49 f.
cite-note-1414. ↑ Platon, Menon 73c–74b.
cite-note-1515. ↑ Platon, Menon 75a4–5.
cite-note-1616. ↑ Platon, Menon 75b9–11.
cite-note-1717. ↑ Platon, Menon 75c2–7.
cite-note-1818. ↑ Platon, Menon 75c4–5.
cite-note-1919. ↑ Platon, Menon 75e1–76a2.
cite-note-2020. ↑ Platon, Menon 76a6–7.
cite-note-2121. ↑ Theodor Ebert: Socrates on the Definition of Figure in the Meno. In: Suzanne Stern-Gillet, Kevin Corrigan (Hrsg.): Reading Ancient Texts. Bd. 1: Presocratics and Plato. Leiden 2007, S. 113–124; Theodor Ebert: Platon: Menon. Berlin 2018, S. 73–81.
cite-note-2222. ↑ Platon, Menon 76a8–b1.
cite-note-2323. ↑ Siehe dazu David Sansone: Socrates’ „Tragic“ Definition of Color (Pl. Meno 76D–E). In: Classical Philology 91, 1996, S. 339–345; Edmonde Grimal: A propos d’un passage du MĂ©non: une dĂ©finition „tragique“ de la couleur. In: Revue des Études grecques 55, 1942, S. 1–13.
cite-note-2424. ↑ Platon, Menon 77e5–b1.
cite-note-2525. ↑ Siehe dazu Marcel van Ackeren: Das Wissen vom Guten. Amsterdam 2003, S. 70–74; Christoph Horn: Platons Konzept des Willens im Menon und im Gorgias. In: Christian Pietsch (Hrsg.): Ethik des antiken Platonismus. Stuttgart 2013, S. 173–190, hier: 173–178.
cite-note-2626. ↑ Platon, Menon 74b–78b.
cite-note-2727. ↑ Platon, Menon 78b–80d.
cite-note-2828. ↑ Platon, Menon 80d–e.
cite-note-2929. ↑ Siehe dazu Russell M. Dancy: Plato’s Introduction of Forms. Cambridge 2004, S. 218–221; Sang-In Lee: Anamnesis im Menon. Frankfurt am Main 2001, S. 97–119.
cite-note-3030. ↑ Zu Sokrates’ Umgang mit Menons Einwand gegen die Erkennbarkeit von Unbekanntem siehe Norbert Fischer: Zum Problem der Transzendenz in der platonischen Erkenntnislehre. In: Theologie und Philosophie 55, 1980, S. 384–403, hier: 388–393; Rosemary Desjardins: Knowledge and Virtue: Paradox in Plato’s Meno. In: The Review of Metaphysics 39, 1985/1986, S. 261–281, hier: 262–269 sowie die DiskussionsbeitrĂ€ge von Dominic Scott, Denis O’Brien und Monique Canto-Sperber in Revue philosophique de la France et de l’Etranger. Bd. 181, Jg. 116, 1991, S. 627–663.
cite-note-3131. ↑ Siehe dazu Thomas Alexander SzlezĂĄk: ጅτΔ Îłáœ°Ï Ï„áż†Ï‚ φύσΔως áŒÏ€ÎŹÏƒÎ·Ï‚ ÏƒÏ…ÎłÎłÎ”ÎœÎżáżŠÏ‚ Îżáœ”ÏƒÎ·Ï‚ (Men. 81 c9–d11). In: Michael Erler, Luc Brisson (Hrsg.): Gorgias – Menon. Sankt Augustin 2007, S. 333–344.
cite-note-3232. ↑ Platon, Menon 81a–82a.
cite-note-3333. ↑ Platon, Menon 82a–85b.
cite-note-3434. ↑ Platon, Menon 82c–84c.
cite-note-3535. ↑ Zu den Einzelheiten des Lernvorgangs siehe John E. Thomas: A Re-examination of the Slave-boy Interview. In: Laval thĂ©ologique et philosophique 26, 1970, S. 17–27. Vgl. John E. Thomas: Plato’s Methodological Device at 84a1. In: The New Scholasticism 45, 1971, S. 478–486.
cite-note-3636. ↑ Platon, Menon 84c–86c.
cite-note-3737. ↑ Platon, Menon 81a–b.
cite-note-3838. ↑ Platon, Menon 86c–87d.
cite-note-3939. ↑ Platon, Menon 86e–87c. Vgl. Ernst Heitsch: Wege zu Platon. Göttingen 1992, S. 39–50; Oliver Hallich: Platons „Menon“. Darmstadt 2013, S. 136–144. Eine vom gĂ€ngigen VerstĂ€ndnis der Hypothesis-Methode abweichende Interpretation vertritt Lee Franklin: Investigations from Hypothesis in Plato’s Meno: An Unorthodox Reading. In: Apeiron 43, 2010, S. 87–115.
cite-note-4040. ↑ Platon, Menon 87d–89c.
cite-note-4141. ↑ Platon, Menon 89c–92c.
cite-note-4242. ↑ Platon, Menon 92c–95a.
cite-note-4343. ↑ Platon, Menon 95a–96d.
cite-note-4444. ↑ Zum „Festbinden“ siehe Gail Fine: Knowledge and True Belief in the Meno. In: Oxford Studies in Ancient Philosophy 27, 2004, S. 41–81, hier: 55–61; Oliver Hallich: Platons „Menon“. Darmstadt 2013, S. 109–112.
cite-note-4545. ↑ Siehe dazu Hartmut Westermann: Die Intention des Dichters und die Zwecke der Interpreten, Berlin 2002, S. 181–188.
cite-note-4646. ↑ Platon, Menon 96d–100b.
cite-note-4747. ↑ Platon, Menon 100b–c.
cite-note-4848. ↑ Siehe dazu Paul W. Gooch: Irony and Insight in Plato’s Meno. In: Laval thĂ©ologique et philosophique 43, 1987, S. 189–204; Dominic Scott: Recollection and experience. Cambridge 1995, S. 43, 46 f.; Harold Tarrant: Studying Plato and Platonism Together: Meno-related Observations. In: Michael Erler, Luc Brisson (Hrsg.): Gorgias – Menon, Sankt Augustin 2007, S. 20–28, hier: 23–25; Margarita Kranz (Hrsg.): Platon: Menon. Stuttgart 1994, S. 120 f.
cite-note-4949. ↑ Eine Übersicht ĂŒber verschiedene Interpretationen bietet John E. Thomas: Musings on the Meno. The Hague 1980, S. 127–147.
cite-note-5050. ↑ Zu den zahlreichen Vertretern dieser Richtung zĂ€hlen Peter Stemmer: Platons Dialektik. Die frĂŒhen und mittleren Dialoge. Berlin 1992, S. 233–236; Bernhard Waldenfels: Das sokratische Fragen, Meisenheim am Glan 1961, S. 115 f.; Sang-In Lee: Anamnesis im Menon. Frankfurt am Main 2001, S. 148–152 und Platons Anamnesis in den frĂŒhen und mittleren Dialogen. In: Antike und Abendland 46, 2000, S. 93–115; Klaus Reich (Hrsg.): Platon: Menon. Hamburg 1972, S.IX–XIX; Rod Jenks: On the Sense of the Socratic Reply to Meno’s Paradox. In: Ancient Philosophy 12, 1992, S. 317–330; Gail Fine: Inquiry in the Meno. In: Richard Kraut (Hrsg.): The Cambridge Companion to Plato. Cambridge 1992, S. 200–226, hier: 204–215; Theodor Ebert: Meinung und Wissen in der Philosophie Platons. Berlin 1974, S. 96–104 und „The Theory of Recollection in Plato’s Meno“: Against a Myth of Platonic Scholarship. In: Michael Erler, Luc Brisson (Hrsg.): Gorgias – Menon. Sankt Augustin 2007, S. 184–198; Roslyn Weiss: Virtue in the Cave. Moral Inquiry in Plato’s Meno. Oxford 2001, S. 63–74.
cite-note-5151. ↑ Kritik an der „Entmythologisierung“ der Anamnesis ĂŒben u. a. Bernd Manuwald: Wiedererinnerung/Anamnesis. In: Christoph Horn u. a. (Hrsg.): Platon-Handbuch. Stuttgart 2009, S. 352–354; Dominic Scott: Plato’s Meno. Cambridge 2006, S. 121 f.; Kenneth Seeskin: Dialogue and Discovery. A Study in Socratic Method. Albany 1987, S. 103–110; Michael Erler: Platon. Basel 2007, S. 366.
cite-note-5252. ↑ William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy. Bd. 4, Cambridge 1975, S. 258; Richard S. Bluck (Hrsg.): Plato’s Meno. Cambridge 1961, S. 11.
cite-note-5353. ↑ Oliver Hallich: Platons „Menon“. Darmstadt 2013, S. 112–115.
cite-note-5454. ↑ Oliver Hallich: Platons „Menon“. Darmstadt 2013, S. 116 f.
cite-note-5555. ↑ William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy. Bd. 4, Cambridge 1975, S. 242–247; Christoph Horn: Platons Konzept des Willens im Menon und im Gorgias. In: Christian Pietsch (Hrsg.): Ethik des antiken Platonismus. Stuttgart 2013, S. 173–190; Franz von Kutschera: Platons Philosophie. Bd. 1, Paderborn 2002, S. 226–228; Charles H. Kahn: Plato and the Socratic dialogue. Cambridge 1996, S. 157–164.
cite-note-5656. ↑ FĂŒr PrĂ€senz der Ideenlehre im Menon plĂ€dieren u. a. William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy. Bd. 4, Cambridge 1975, S. 253 f.; Cristina Ionescu: Plato’s Meno. Lanham 2007, S. XV–XVII; Konrad Gaiser: Platons ‚Menon‘ und die Akademie. In: Konrad Gaiser: Gesammelte Schriften. Sankt Augustin 2004, S. 353–399, hier: 355 f.; Carlo E. Huber: Anamnesis bei Plato. MĂŒnchen 1964, S. 316 f. Die gegenteilige Auffassung vertreten u. a. Theodor Ebert: Meinung und Wissen in der Philosophie Platons. Berlin 1974, S. 84, und Roslyn Weiss: Virtue in the Cave. Moral Inquiry in Plato’s Meno. Oxford 2001, S. 74 f.
cite-note-5757. ↑ Joseph T. Bedu-Addo: Recollection and the argument ‚from a hypothesis‘ in Plato’s Meno. In: Journal of Hellenic Studies 104, 1984, S. 1–14, hier: 10–14; Michael Cormack: Plato’s Stepping Stones: Degrees of Moral Virtue. London 2006, S. 70–72.
cite-note-5858. ↑ Gail Fine: Knowledge and True Belief in the Meno. In: Oxford Studies in Ancient Philosophy 27, 2004, S. 41–81.
cite-note-5959. ↑ William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy. Bd. 4, Cambridge 1975, S. 255; Oliver Hallich: Platons „Menon“. Darmstadt 2013, S. 104–108.
cite-note-6060. ↑ Diese Interpretation vertreten Jerome Eckstein: The Platonic Method. New York 1968, S. 36–45, und Roslyn Weiss: Virtue in the Cave. Moral Inquiry in Plato’s Meno. Oxford 2001, S. 12, 77–126.
cite-note-6161. ↑ Norbert BlĂ¶ĂŸner: The Unity of Plato’s Meno. Reconstructing the Author’s Thoughts. In: Philologus 155, 2011, S. 39–68, hier: 64–66.
cite-note-6262. ↑ Ernst Heitsch: Platon: Apologie des Sokrates. Übersetzung und Kommentar. Göttingen 2002, S. 177–180.
cite-note-6363. ↑ Siehe zur chronologischen Einordnung Ernst Heitsch: Platon: Apologie des Sokrates. Übersetzung und Kommentar. Göttingen 2002, S. 179 f.; Michael Erler: Platon. Basel 2007, S. 165 f.; William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy. Bd. 4, Cambridge 1975, S. 236; Monique Canto-Sperber: Platon: MĂ©non. 2., ĂŒberarbeitete Auflage. Paris 1993, S. 319–323; John E. Thomas: Musings on the Meno. The Hague 1980, S. 10–16, 22.
cite-note-6464. ↑ Siehe zu Aristoteles’ Rezeption des Menon David Bronstein: Meno’s Paradox in Posterior Analytics 1.1. In: Oxford Studies in Ancient Philosophy 38, 2010, S. 115–141; Sang-In Lee: Anamnesis im Menon. Frankfurt am Main 2001, S. 160–185.
cite-note-6565. ↑ Aristoteles, Analytica posteriora 71a.
cite-note-6666. ↑ Aristoteles, Analytica priora 67a.
cite-note-6767. ↑ Aristoteles, Politik 1260a.
cite-note-6868. ↑ Siehe dazu Carl Werner MĂŒller: Appendix Platonica und Neue Akademie. In: Klaus Döring, Michael Erler, Stefan Schorn (Hrsg.): Pseudoplatonica. Stuttgart 2005, S. 155–174, hier: 156–163; Michael Erler: Platon. Basel 2007, S. 323–325.
cite-note-6969. ↑ Siehe zu Ciceros Menon-Rezeption Harold Tarrant: Recollecting Plato’s Meno. London 2005, S. 101–125.
cite-note-7070. ↑ Cicero, Tusculanae disputationes 1,57.
cite-note-7171. ↑ Cicero, De divinatione 1,115 (Bezugnahme auf Menon 81c–d).
cite-note-7272. ↑ Diogenes Laertios 3,57–59.
cite-note-7373. ↑ Athenaios 11, 505a–b. Siehe zu dieser Überlieferung Jacob Klein: A Commentary on Plato’s Meno. Chapel Hill 1965, S. 37.
cite-note-7474. ↑ Clemens von Alexandria, Stromata 5,13,83.
cite-note-7575. ↑ Arnobius, Adversus nationes 2,24.
cite-note-7676. ↑ Augustinus, De trinitate 12,15,24.
cite-note-7777. ↑ Corpus dei Papiri Filosofici Greci e Latini (CPF). Teil 1, Bd. 1***, Firenze 1999, S. 139–141, 494–499.
cite-note-7878. ↑ Zur TextĂŒberlieferung siehe Bruno Vancamp: Untersuchungen zur handschriftlichen Überlieferung von Platons Menon. Stuttgart 2010; Richard S. Bluck (Hrsg.): Plato’s Meno. Cambridge 1961, S. 129–147.
cite-note-7979. ↑ Muhsin Mahdi: Alfarabi: Philosophy of Plato and Aristotle. 2. Auflage. Ithaca 2001, S. 55 (englische Übersetzung von al-FārābÄ«s Werk). Siehe dazu Harold Tarrant: Recollecting Plato’s Meno. London 2005, S. 130–135.
cite-note-8080. ↑ Victor Kordeuter (Hrsg.): Meno interprete Henrico Aristippo. London 1940, S. 5 f.
cite-note-8181. ↑ Marsilii Ficini Opera. Band 2, Paris 2000 (Nachdruck der Ausgabe Basel 1576), S. 1132 f. Eine englische Übersetzung der Einleitung bietet Arthur Farndell: Gardens of Philosophy. Ficino on Plato. London 2006, S. 14–16.
cite-note-8282. ↑ RenĂ© Descartes: Epistola ad Gisbertum Voetium. In: Charles Adam, Paul Tannery (Hrsg.): ƒuvres de Descartes, Bd. 8/2, Paris 1987, S. 167.
cite-note-8383. ↑ Leibniz: Discours de mĂ©taphysique 26.
cite-note-8484. ↑ Friedrich Schleiermacher: Menon. Einleitung. In: Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher: Über die Philosophie Platons, herausgegeben von Peter M. Steiner, Hamburg 1996, S. 206–219, hier: 216.
cite-note-8585. ↑ John Stuart Mill: Grote’s Plato. In: John Stuart Mill: Collected Works. Bd. 11: Essays on Philosophy and the Classics. Toronto 1978, S. 375–440, hier: 422.
cite-note-8686. ↑ Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Platon. Sein Leben und seine Werke. 5. Auflage. Berlin 1959 (1. Auflage Berlin 1919), S. 219–221.
cite-note-8787. ↑ Alfred Croiset (Hrsg.): Platon: ƒuvres complùtes. Bd. 3, Teil 2. 6. Auflage. Paris 1955, S. 227.
cite-note-8888. ↑ Franz von Kutschera: Platons Philosophie. Bd. 1, Paderborn 2002, S. 233.
cite-note-8989. ↑ Paul Natorp: Platos Ideenlehre. 2., durchgesehene Auflage. Leipzig 1921 (erste Auflage 1903), S. 30 f., 33.
cite-note-9090. ↑ Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Platon. Sein Leben und seine Werke. 5. Auflage. Berlin 1959 (1. Auflage Berlin 1919), S. 212, 217.
cite-note-9191. ↑ Nicolai Hartmann: Das Problem des Apriorismus in der Platonischen Philosophie. In: Kleinere Schriften. Bd. 2, Berlin 1957, S. 48–85, hier: 57. Vgl. Oliver Hallich: Platons „Menon“. Darmstadt 2013, S. 103 f.
cite-note-9292. ↑ Gregory Vlastos: Platonic Studies. 2. Auflage. Princeton 1981 (1. Auflage Princeton 1973), S. 230 Anm. 22.
cite-note-9393. ↑ William K. C. Guthrie: A History of Greek Philosophy. Bd. 4, Cambridge 1975, S. 255 f.
cite-note-9494. ↑ Jonathan Barnes: Enseigner la vertu? In: Revue philosophique de la France et de l’Etranger. Bd. 181, Jg. 116, 1991, S. 571–589.
cite-note-9595. ↑ Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 7. Auflage. Bd. 1, TĂŒbingen 1992, S. 154. Auf diesen Aspekt weist auch Oliver Hallich hin, aber ohne Bezugnahme auf den historischen Sokrates: Oliver Hallich: Platons „Menon“. Darmstadt 2013, S. 100 f.
cite-note-9696. ↑ Karl Popper: Vermutungen und Widerlegungen. TĂŒbingen 2009, S. 13–18, 43.
cite-note-9797. ↑ Gertrude Elizabeth Margaret Anscombe: Understanding Proofs. Meno, 85d9–86c2, Continued. In: Gertrude Elizabeth Margaret Anscombe: From Parmenides to Wittgenstein. Oxford 1981, S. 34–43.